Donnerstag, 1. April 2010

Was im Leben wirklich wichtig ist

Erst wenige Tage sind seit unserem letzen Bericht vergangen und man möchte meinen, es gäbe wahrscheinlich nicht allzu viel zu erzählen. Es ist uns aber ein Anliegen, besondere Ereignisse zeitnah zu kommunizieren, insbesondere dann, wenn es sich um Geschehnisse von besonderer Bedeutung handelt.

Bewegende Zuwendung
Schon seit längerem sind wir auf der Suche nach einem geeigneten Transportmittel für unsere künftigen Schützlinge, denn sie müssen schließlich zur Schule gebracht werden und auch Sonntagsausflüge sind ohne geeigneten fahrbaren Untersatz nur schwer zu bewerkstelligen. Wir freuen uns daher, dass die KARL KAHANE Foundation uns die Mittel für einen brandneuen Schulbus zur Verfügung gestellt hat. Dies ist insofern auch ein besonderer Grund zur Freude als gebrauchte Fahrzeuge dieser Art in Kenia mindestens sieben Jahre alt sind und die Wartungskosten daher entsprechend hoch. Denn Kleinbusse werden zumeist von Firmenmitarbeitern gefahren und ein verantwortungsvoller Umgang mit den Fahrzeugen ist hier kaum zu erwarten. Wir werden unseren neuen Bus also hegen und pflegen, damit einem langen Einsatz und einem stets sicheren Transport unserer Schützlinge nichts im Wege steht. Ein herzliches Dankeschön an die KARL KAHANE Foundation, die sich weltweit für Hilfsprojekte einsetzt und auch uns mit ihrer Unterstützung bedacht hat.
www.karlkahanefoundation.org

Berührende Momente
Wir könnten hier an dieser Stelle einfach sagen: „Hurra, die ersten Kinder sind da!“ Zwar steht das nun hier geschrieben, aber so erfreulich das auch sein mag, so ernst sind die Umstände die hinter dieser Aussage stehen und die Freude die mit dem Einzug unserer „Erstgeborenen“ verbunden ist darf einen nicht vergessen lassen, weshalb diese Kinder nun bei uns ein neues Zuhause haben. Wir möchten daher in diesem Kapitel unseres Newsletters nicht einfach nur über Fakten berichten sondern auch Hintergründe aufzeigen und Persönliches erzählen.

Seit einigen Wochen waren wir nun bereit. Bereit, Kindern in Not zur Seite zu stehen und unser Heim mit Leben zu erfüllen. Die Verwunderung darüber, dass etwa einen Monat lang nicht ein einziger Anruf vom Jugendamt kam, um unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen wich sehr schnell der Überraschung (wir dachten das wäre hier nicht mehr möglich) und einer Enttäuschung darüber, wie wenig Engagement hier seitens des Jugendamtes für das Wohlergehen der Kinder gezeigt wird. Überraschung deshalb, weil man uns mit allen möglichen Auflagen und Inspektionen den Weg zur Erlaubnis der Aufnahme des Betriebes erschwert hat. Enttäuschung, weil das tatsächliche Engagement für das Wohlergehen der Kinder nicht halb so groß ist wie wir es erhofft hatten.

Nachdem wir nun erkennen mussten, dass von dieser Seite nur wenig zu erwarten ist, haben wir die Zusammenarbeit mit der Child Welfare Society of Kenya, einer Organisation, die landesweit Sozialarbeiter im Einsatz hat, intensiviert. Die Child Welfare Society of Kenya steht Familien und Kindern mit Rat und Tat zur Seite und hilft dort, wo die Behörden nicht die Ressourcen haben tätig zu sein. Eine Mitarbeiterin dieser Organisation war es auch, die uns auf Andrea und Asha aufmerksam gemacht hat.

Andrea und Asha
Andrea, 5 Jahre alt und Asha, 18 Monate alt, lebten nach dem Tod ihrer Mutter bei der Tante. Andrea’s Vater ist arbeits-, mittel- und vor allem interesselos am Schicksal seines Sohnes. Asha’s Vater ist unbekannt. Die Tante, Siamini, 24 Jahre jung, kümmert sich nicht nur um die Beiden, sondern versorgt daneben auch noch zwei eigene Kinder und ihre fünf jüngeren Geschwister. Dies, weil auch Siamini’s Eltern verstorben sind und der Stiefvater selbst seine neue Familie ernähren muss. Als wir hörten, dass Siamini für diese Aufgabe genau 60 Cent am Tag zur Verfügung stehen, denn soviel verdient sie als Kellnerin in einem lokalen Restaurant, konnten wir uns ungefähr vorstellen, was uns bei unserem Besuch bei ihr erwarten würde.

9. März 2010 – Der erste Besuch im Ort Gazi
Die Verhältnisse als „einfach“ zu beschreiben, wäre eine maßlose Untertreibung. Die Lehmhütte bietet lediglich Schutz vor Regen, als Zuhause kann man das nicht bezeichnen. Innen der nackte Erdboden, kein Tisch, keine Stühle, kein Bett, keine Kleidung, keine sanitäre Einrichtung, kein Strom, kein Wasser. Andrea sitzt vor der Hütte auf einem Brett, still, mit traurigen Augen, spielt mit seinen Fingern. Seine bloßen Füße haben viel zu große Zehen, denn die sogenannten Jiggers, Parasiten die sich unter die Haut graben und dort ungehindert wachsen, haben sie anschwellen lassen. Dann kommt Siamini, mit Asha auf dem Arm. Das kleine Mädchen kann kaum laufen, denn die schlechte bis mangelnde Ernährung hat das Wachstum der Muskeln beeinflusst und schon wenige Schritte sind für sie ein Kraftakt. Siamini erzählt uns von Andrea’s Vergangenheit, dass sein Vater sich nicht um ihn kümmert, dass sein Stiefvater ihn schlimm misshandelt hatte. Siamini bittet uns um Hilfe.

Wir haben hier in Kenia schon viel Armut gesehen, unzählige traurige Geschichten gehört und mehr als einmal waren wir betroffen von den Umständen. Aber der Anblick dieser Kinder, diese Geschichte, hat einen ganz besonderen Aspekt. Denn diese Geschichte vernehmen wir mit dem Wissen, dass wir helfen können.

18. März 2010 - Jugendamt
Es bedurfte zwar noch einiger mehrerer Besuche bei Siamini, Andrea und Asha, der Area Chief wurde involviert um uns bei Tatsachenfindung zu unterstützen, wir sind mit Siamini, ihrem Stiefvater und den beiden Kindern beim Jugenamt vorstellig geworden, haben Berichte erstellt und Dokumente ausgefüllt und letztlich die Zuweisung der Kinder in unser Heim ausgestellt bekommen.

So erfreulich das auch ist, so enttäuscht sind wir über die Reaktion des Jugendamtes. Nicht nur, dass das Hearing gerade mal 20 Minuten gedauert hat, sagte man uns auch noch bei Vorlage unserer Berichte und der Bestätigung des Area Chief’s: „That’s a very detailed report which contains all necessary information. That’s exactly the job you have to do! You can admit the kids right away to your home.“ UNSER JOB??? Dazu erübrigt sich jeder Kommentar...

Mit sehr gemischten Gefühlen fahren wir heimwärts. Einerseits glücklich darüber, dass wir nun endlich wirklich helfen können, zwei kleinen Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen werden, andererseits drückt das Wissen um all die Tausende von „Fällen“ denen unsere Hilfe nicht zuteil werden kann, ziemlich aufs Gemüt. Die letzten Tage waren emotional besonders bewegend, aufwühlend, irritierend und erschöpfend. Zu viele Details sind ans Tageslicht gekommen, zu viel Wut will an die Oberfläche, Wut darüber, wie entwürdigend und lieblos für viele Menschen das Leben hier ist. Wut darüber, wie wenig aus politischer Sicht für diese Menschen getan wird!

22. März 2010 - Der Einzug
Heute ist Montag und heute wird für Andrea und Asha ein neues Leben beginnen. Wir fahren früh los um die beiden zusammen mit ihrer Tante und ihrem (Stief) Großvater abzuholen. Es ist uns wichtig, dass der Einzug der Kinder ins neue Heim von ihnen vertrauten Personen begleitet wird. So holen wir die vier also ab. Siamini ist beinahe eine Stunde zu spät, es ist ihr anzumerken, dass auch sie sich Gedanken macht, dass ihr die Entscheidung die Kinder wegzugeben, nicht ganz so leicht fällt. Später erzählt sie uns, dass sie heute Nacht einen Traum hatte. Shida, ihre verstorbene Schwester und Andrea’s und Asha’s Mutter, hätte zu ihr gesprochen und gesagt, sie sei sicher, dass Siamini die richtige Entscheidung getroffen habe und dass es das Beste für die Kinder sei.

Unsere Ankunft im Heim ist fröhlich, aufregend, bewegend aber auch angespannt. Gemeinsam machen wir uns daran ein Mittagessen zu kochen während Andrea vorsichtig und still aber durchaus neugierig das Haus erkundet. Unsere Nannies haben Andrea’s und Asha’s Zimmertür mit einer Banderole versehen und klar, dass er es ist, der dieses Band zu seinem und Asha’s neuem Leben zerschneidet.

Den Nachmittag verbringen die Kinder mit spielen und zum ersten Mal sehen wir Andrea lächeln, als er mit seinem Großvater am Boden sitzt und Holzfiguren aufstellt. Asha quietscht vor Vergnügen wenn sie einen Luftballon zu fassen kriegt und erst recht als es zu Essen gibt. Und auch Siamini entspannt sich zusehends.

Der Tag ist schnell vorbei und es heißt Abschied nehmen. Wir sind überrascht, dass dies den beiden Kindern offensichtlich leichter fällt als uns, für welche die Bedeutung dieses Abschiedes ein besonderes Gewicht hat. Denn jetzt sind wir es, die die Verantwortung für zwei Leben tragen. Eine Verantwortung die uns mit Stolz aber auch mit Respekt davor erfüllt.

2. April 2010 - Unglaubliche Entwicklung
In der ersten Woche kam Siamini jeden Tag zu uns um die Kinder zu besuchen. Dies hielten wir nicht nur für sie wichtig, sondern in erster Linie für die Kinder. Es ist entscheidend, dass sie nicht abrupt „abgenabelt“ werden und dass sie den Kontakt zur Herkunftsfamilie nicht verlieren. Denn wenn sie erst einmal erwachsen sind, sollen sie wissen wer ihre Familie ist und wo ihre Wurzeln liegen.

Andrea und Asha sind nun seit elf Tagen in ihrem neuen Zuhause. Es ist beinahe unglaublich was sich in den kleinen Gesichtern nun widerspiegelt, es ist unglaublich was sich im Verhalten der Beiden verändert hat. Andrea hat seine Liebe zur Sauberkeit entdeckt, badet mit Vergnügen und freut sich über jeden Jigger der sich durch die entsprechende Behandlung (Desinfektionsmittel und jede Menge Vaseline) verabschiedet und zeigt stolz seine „neuen Füße“. Dabei lässt er niemanden an seine kleinen Zehen ran sondern macht alles selbst!

Mit unbändigem Eifer übernimmt er Aufgaben, wäscht mit Mike das Auto, trägt jedes noch so kleine Stückchen Abfall persönlich zum Mülleimer und sammelt während unseres Sonntagsausflugs am Strand jedes Teil das auch nur entfernt nach „Taka Taka“ (Abfall) aussieht ein, um es in den Korb zu legen. Dabei haben wir nichts anderes getan als es einmal vorzumachen. Andrea packt an wo immer er kann, es macht ihm sichtlich Spaß und auch wenn er noch viel denkt, immer öfter siegt eben doch das Lächeln.

Dem Fußball, den er anlässlich des zweiten Arztbesuches geschenkt bekommen hat, läuft er ohne Unterbrechung hinterher. Er entwickelt enorme Energien, nicht nur in körperlicher Hinsicht. Es kommen pausenlos Fragen, Hinterfragungen, Wissbegier. Wir hatten eigentlich vor ihm mit dem Besuch der Vorschule Zeit zu lassen, ihn nicht zu sehr zu stressen, nun aber merken wir, dass er mehr als bereit dafür ist und dass es wichtig ist, ihn schnellstmöglich auch mit anderen Kindern seines Alters zusammen zu bringen. Er wird also bereits ab Mai zur Schule gehen (zur Zeit sind alle Schulen in der Gegend wegen des Ausbruchs von Cholera geschlossen).

Asha überrascht uns nicht weniger. Dieses kleine Mädchen ist so unkompliziert, so fröhlich, so hungrig! Zwar wachte sie in den ersten Nächten ein paar Mal auf, inzwischen aber strahlt sie pausenlos über das ganze Gesicht. Und mittlerweile krabbelt sie sogar schon alleine in ihr Bettchen in dem sie sogar am Nachmittag bis zu drei Stunden schläft. Asha sammelt Kräfte denn wie anstrengend laufen für sie ist, ist ihr oftmals anzusehen.

Gesundheit
Selbstverständlich haben wir die Beiden ausführlichen beim Arzt untersuchen lassen und das erfreuliche Ergebnis erhalten, dass es ihnen den Umständen entsprechend gut geht. Zwar leiden beide unter Anämie, die auf die schlechte Ernährung zurück zu führen ist. Bei Andrea kann dies mit entsprechendem Essen kuriert werden, Asha erhält Medikamente. Zudem müssen wir noch die zweiten Untersuchsuchungsergebnisse abwarten, die Aufschluss über das tatsächliche Ausmaß der Schädigung von Asha’s bisheriger Entwicklung geben werden. Erst dann kann entschieden werden, welche Behandlung notwendig sein wird, um ihr die Kraft zu geben wirklich richtig laufen zu können. Was immer es auch sei, wir werden auf jeden Fall alles unternehmen damit sie sich zu einem gesunden kräftigen Kind entwickeln kann.

Danke!
Liebe Freunde des Vereins, bestimmt verstehen Sie, wie bewegt wir im Moment sind, welch eine wichtige Zeit nun für uns angebrochen ist. Nach all den Vorbereitungen tragen unsere Mühen nun die ersten Früchte. Und dies nicht zuletzt dank Ihrer Unterstützung, die uns geholfen hat, das Projekt „AMADEUS Children’s Home“ in dieser Form zu realisieren. Wir können uns gar nicht oft genug dafür bedanken. Ein Herzliches Dankeschön, nicht nur von uns, sondern diesmal im Namen „unserer“ Kinder. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns weiterhin zur Seite stehen, denn je mehr wir in die Geschichten dieser kleinen Menschen eintauchen, umso deutlicher wird, wie viel Hilfe hier von Nöten ist, umso mehr spüren wir, was im Leben wirklich wichtig ist.